Christian Seiler: Alles Gute – Die Welt als Speisekarte

Christian Seiler: Alles Gute – Die Welt als Speisekarte

Alles Gute: Die Welt als Speisekarte
Christian Seiler
Illustrationen von Markus Roost & Roland Hausheer
Echtzeit Verlag

Maria Kufeld

Von Maria Kufeld

Achtung: Dieses Buch hat 813 Seiten. Spoiler: Die sich lohnen. Es muss wohl daran liegen, dass Christian Seiler Österreicher ist und Texte überwiegend in seiner Heimat bzw. in der Schweiz veröffentlicht, dass er mir erst jetzt über den Weg gelaufen ist. Was habe ich verpasst? Offensichtlich eine Menge.

Wie schön, dass ich das mit seinem Best-of Alles Gute – Die Welt als Speisekarte umfassend nachholen kann. „Ich esse, reise und schreibe. Gern reise ich, um zu essen. Oft schreibe ich, um zu reisen. Immer esse ich, weil ich reise. Manchmal schreibe ich auch, statt zu essen“, beginnt er sein Vorwort und fasst zusammen, was die Leser*innen erwartet.

Da der Mann viel unterwegs war, is(s)t und hoffentlich immer sein wird, macht der Echtzeit Verlag schon mal aus dem Buch „sein kulinarisches Lebenswerk“ (2010 erschien dort bereits seine Reise zum Geschmack). Bei 54 beschriebenen Reisen, die ihn von A wie Adelaide bis Z wie Zürich über die Kontinente führen, kann man das durchaus so stehen lassen.

Von Modena nach Marrakesch

Große Namen fallen da erwartbar gern. Etwa die Reportagen über Fäviken in Schweden zu Überkoch Magnus Nilsson und Modena – „kleiner Ort, großer Koch“ –, wo Seiler mit dem nächsten Topchef, Massimo Bottura, unterwegs ist. Beide Köche hatten schon in Chef’s Table ihren großen Auftritt und ich kann nicht sagen, wer eher da war: Seiler oder Netflix. Das ist übrigens auch mein einziger Kritikpunkt: Von wann sind die Geschichten? Das wird leider nicht verraten.

Da seine Texte in ihrem Unterhaltungswert allerdings zeitlos sind, geht selbst das sich schon aus. Ein Highlight sein Marrakesch-Bericht: „Hätte mir jemals jemand vorhergesagt, ich würde auf dem belebtesten Platz Afrikas einen eleganten österreichischen Grafen umarmen, ohne dabei Unterwäsche zu tragen, ich hätte ihn gebeten, zu schweigen.“ Wie gut, dass es Seiler nicht tut – im Gegenteil.

Bei Bedarf geht er den Leuten sogar mächtig auf den Zeiger. Vor allem, wenn er ihnen ihre Signature-Dish-Rezepte entlockt, um sie mit seinen Leser*innen zu teilen. Schönes Beispiel Berlin: „Als ich mich von Stuart verabschiedete, vergaß ich nicht, ihn zu fragen, wo er einen Freund in Berlin zum Essen hinschicken würde. Er zögerte nicht eine Sekunde: ‚In die Kurpfalz-Weinstuben.‘ Dort begegnete ich dem nächsten deutschen Bundeskanzler. Nein, natürlich war Helmut Kohl nicht persönlich anwesend. Aber es gab ‚Pfälzer Saumagen‘, seine legendäre Leibspeise, und der Saumagen war eine Offenbarung, und dass es den Wein in Schoppengläsern gab, spielte gar keine Rolle, es war ein Hohelied des Deftigen und des Kraftgeschmacks, und zum ersten Mal teilte ich eine Leidenschaft mit Helmut Kohl. Die Portion war natürlich nicht zu bewältigen, aber da machte ich nicht mit. Am Ende des Abends bettelte ich um das Rezept, wurde abgesnobbt, bettelte weiter, erregte Mitleid, hier ist es: …“

Ein Reiseführer, der keiner sein will

Regelmäßig (exakt alle 16 Seiten) grätscht in Alles Gute noch eine von 48 Kolumnen dazwischen, die sich nicht nur farblich vom Rest absetzt, sondern – so wie es im Magazin, der Wochenendbeilage von Tagesanzeiger, Berner Zeitung, Der Bund und Basler Zeitung auch ist – erst lesenswert wird, wenn man das Buch um 90 Grad dreht. Dann lästert er auf einer Seite über Naturwein, stellt „die besten Tomatensaucen von allen“ inklusive Rezepten vor und erläutert, warum er gern ohne Reservierung essen geht.

Am Ende fasst ein kleiner Serviceteil sämtliche Empfehlungen nach Städten sortiert zusammen. Für verschiedene Orte nennt er „nur die richtigen Adressen“ für „Wohnen“, „Essen“ (von Imbiss bis Fine Dining) und „Wein“. Manchmal ergänzt er noch „Einkaufen-“ und „Kunst“-Tipps. Allerdings ohne „den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit“. Schließlich sei das Buch kein Reiseführer.

Das wäre auch gar nicht nötig. Mir gefällt seine subjektive, selektive Sicht auf die besuchten Orte genau so, wie sie sind. Untermalt von tollen Illustrationen von Roland Hausherr und Markus Roost. „Für mich ist das Nicht-Vergessen die wahre Währung kulinarischer Erlebnisse.“ Und da sein Buch genau das ist: 813 Seiten kulinarisches Erlebnis (nur ohne zuzunehmen), wird man sich an seine Welt als Speisekarte definitiv erinnern.

Veröffentlicht im Dezember 2019

2 Kommentare

  1. Thea

    Die Geschichte mit Stuart (Pigott) und den „Kurpfalz Weinstuben“ ist schon etwas älter. Herr Schulz, jahrzehntelanger „eigenwilliger“ Betreiber, Inhaber, Gastgeber, hat vor zwei, drei Jahren aus Altersgründen verkauft. Nun möchte ich da nicht mehr hingehen.

    • Katharina

      Ohhh, meine Ohren sind gespitzt. Was hat er getan? Er war doch hoffentlich nicht männlich unpassend? 🙂

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