Beatrix Müller-Kampel, Wolfgang Schmutz: Williges Fleisch, schwaches Federvieh

Beatrix Müller-Kampel, Wolfgang Schmutz: Williges Fleisch, schwaches Federvieh

Williges Fleisch, schwaches Federvieh – Das österreichische Literaturkochbuch
Beatrix Müller-Kampel, Wolfgang Schmutz, Mandelbaum Verlag (2010)

Das Literaturkochbuch Williges Fleisch, schwaches Federvieh gibt den Texten eine Bühne, die sich literarisch der österreichischen Kulinarik hingeben. Beatrix Müller-Kampel und Wolfgang Schmutz wurden bei der Zusammenstellung der Anthologie bei bekannten und weniger bekannten Schriftstellern fündig: u. a. Ernst Jandl (“im delikatessenladen”), Thomas Bernhard (“Johanna schneiden Sie die Kuchen auseinander”), Christoph Ransmayr (“Die vergrorene Heimat”) und Anton Kuhn (“Melange=Milch+Kaffee”). Ergänzt wurden die Texte mit historischen sowie modernen Rezepten und biografischen Notizen zu den Autoren. Katharina

Es folgt aus dem Buch ein Text von Joseph Roth über das gemeinsame Essen von Kaiser und Schah mit Zwetschkenröster.

Joseph RothKapitel: Obstsalat mit Kompott

JOSEPH Roth: Der Kaiser und der Schah

Um neun Uhr abends begann die Tafel. An der Rechten des Kaisers saß der Schah. Seinetwegen hatte man die orientalischen Speisen vorbereitet, die dem Kaiser von Österreich keineswegs schmeckten: Reis mit Curry, Lammfleisch am Spieß, in Salz un (sic!) Pfeffer überbraten, maßvoll verkohlt und dennoch immer noch blutig; noch einmal Reis mit gebackenen Pflaumen; hierauf gekochtes Huhn, und noch einmal Reis, überschüttet mit geriebenen Mandeln und Rosinen; endlich kam eine seltsame Gans, gefüllt mit Trüffeln und Kandiszucker — und dazu trank man Wasser: Gießhübler. Der Kaiser sah schließlich, mit ehrlichem Vergnügen, das Kompott ankommen, gekochte Pflaumen und Birnen: endlich etwas Gekochtes!…

Der Kaiser haßte Gastmähler. Er liebte es, rasch zu essen und einfach, wie einer der Gewönlichsten (sic!) seiner Untertanen. Er liebte Suppen, Rundfleisch (sic!), Knödel, Apfelkompott. Sein Essen dauerte kaum länger als zehn Minuten. Er liebte ein frisches Krügl Bier, mit recht viel Schaum. Lediglich dank einer übergroßen, wahrhaft kaiserlichen Überwindung würgte er jetzt eine der fremdartigen Speisen nach der anderen hinunter. Freilich mußte er sich noch dazu mit seinem Gast unterhalten, und auf französisch. So manche Antwort blieb ihm der Schah schuldig. Er aber, der Kaiser von Österreich-Ungarn, tat so, wie es einer Apostolischen Majestät gemäß ist: er tat so, als ob ihm Antwort zuteil geworden wäre. Alle Teilnehmer dieser Tafel waren überzeugt, daß sich der Kaiser und der Schah ausgezeichnet unterhielten.

Da geschah, als die gekochten Pflaumen kamen, etwas Niedagewesenes: der Schah spuckte die Kerne auf den Fußboden. Wichtig war, daß für die Dauer einer Sekunde nur — aber welch einer schrecklichen Sekunde! — alle Teilnehmer der Tafel plötzlich aufsahen, als der Schah den ersten Kern ausgespuckt hatte, vor sich hin, mitten zwischen die gespreizten Knien (sic!). Der einzige, der keine Verblüffung verriet, war der Kaiser. Er sah nicht einmal auf. Als hielte er es für ein selbstverständliches Gehaben, spie auch er den ersten Pflaumenkern auf den Boden, den zweiten, den dritten — — und so lange, bis der Schah aufgehört hatte zu essen. Und alle taten nach dem Beispiel des Kaisers.

***
Bevor sie jetzt zuhause auch noch anfangen, Zwetschken- oder Pflaumenkerne auf den Boden zu spucken, servieren wir das Birnenkompott wie bei Konrad Bayer. Und Zwetschkenfreunde mögen sich am Röster delektieren.

Rezept: ZWETSCHKENRÖSTER

1 kg entkernte Zwetschken, halbiert
35 dkg Kristallzucker
2 Msp Nelkenpulver
2 KL Zimt
2 KL Zitronensäure
2 EL l Wasser
1/8 l Rotwein
4 Msp Einsiedehilfe
4 EL Wasser
2 EL Rum

Die Zwetschken mit Zucker, Gewürzen, Zitronensäure und Wasser unter mehrmaligem Rühren zum Kochen bringen und ca. 8 Minuten kochen. Den Zwetschkenröster vom Herd nehmen. Einsiedehilfe mit Wasser und Rum verrühren, gut einrühren. Den kochend heißen Röster randvoll in Gläser füllen und verschließen.

Biografische Notiz (gekürzt)

Josef Roth (1894 – 1939) wurde als Sohn eines Getreideeinkäufers in der Ukraine geboren. Er besuchte ein deutschsprachiges Gymnasium in Brody und studierte anschließend in Lemberg und Wien. 1916 ging er freiwillig zum Militär. Ab 1918 lebte Roth als Journalist in Wien und anschließend in Berlin. Roth stieg in den 20ern Jahre zum Starjounalisten auf und lebte ab 1923 nur in Hotels. 1933 ging er nach Paris, wo er 1939 in einem Armenhospital an einem erzwungenen Entzug verstarb. Sein Text Der Kaiser und der Schah stammt aus einem (dann gestrichenen) Entwurf zu Die Geschichte von der 1002. Nacht.

Veröffentlicht im Juni 2010

Themen:

Schreib' uns!

Meistgelesen

Themen A-Z