Backbuch von Trish Deseine: Mehr Schokolade!

Backbuch von Trish Deseine: Mehr Schokolade! ★★★☆☆

Mehr Schokolade!
Trish Deseine, Fotos Marie-Pierre Morel, AT-Verlag (2011)
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Janina

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Töne schmecken? Melodien als Farben sehen? – Das können nur Synästhetiker, oder nicht? Als ich Mehr Schokolade! das erste Mal aufschlug, glaubte ich, gleich den Duft von schmelzender Schokolade zu atmen, so sehr betörten mich die Fotografien von Muffins, Cookies und Co. „Das muss ich unbedingt ausprobieren und das auch und das“, rief es in mir beim Betrachten dieser Kunstwerke. Dann die Enttäuschung: Meine Ergebnisse blieben zum Teil weit hinter den visuellen Verheißungen zurück.

In einer Buchhandlung führt mich mein erster Weg immer direkt zum Regal mit den Kochbüchern. Das ansprechendste Cover sorgt dafür, dass ich das Kochbuch zum ersten Durchblättern wähle. Erst wenn mir Layout und Gestaltung der Fotos gefallen, beschäftige ich mich auch mit den Rezepten. Manche meiner Freunde kochen überhaupt nicht mehr aus Büchern, die keine Fotos der Gerichte enthalten. Gerade beim Kochen spielt das sinnlich Erfahrbare die Hauptrolle. Weil ich aber Geruch und Geschmack nicht zwischen zwei Buchdeckeln konservieren kann, müssen mir die Bilder diese Sinneseindrücke ersetzen. Sie kitzeln den Gaumen und verführen zum Kauf, ärgerlich nur, wenn die Rezepte letztlich nicht überzeugen können, – so auch bei Mehr Schokolade!.

Das verführerische Cover und die verlockende Fotogestaltung rufen bei mir sogleich einen „Haben wollen“-Impuls hervor: Auf einem dunklen Holztisch steht eine fragile, weiße Porzellantasse gefüllt mit heißer Schokolade wie ein stiller, schwarzer See. Die Fotos wirken puristisch, weil sie kaum mehr abbilden als das Wesentliche – die Kuchen; Aber das dafür so gekonnt, dass ich die Struktur der Krume erkennen kann. Rieche ich da nicht geschmolzene Schokolade?

Gerade noch die Gestaltung bewundert, stellt sich dieselbe beim Ausprobieren als hinderlich heraus. „Welches Foto gehört wohl zum Rezept?“, frage ich mich mehrmals und kann es oft nur beim vergleichen der Zutatenliste mit den aufgeschnittenen Kuchen bestimmen. – Ja, hier sind Nüsse drin, dann müssen das die Brownies mit Paranüssen sein. Und dann schlägt mir beim Backen auch noch das Kochbuch immer wieder zu, unpraktisch dieses Softcover.

Die Kapitel „Lieblingsklassiker“, „Schoko-Therapie“, Schokolade zum Knabbern“, Schokolade für Kids“ und „Und weiter?“ lassen beim ersten Lesen keine Wünsche offen. Neben den beliebten Klassikern wie Tarte Absolue und heiße Schokolade kann ich immer wieder Trish Deseines Spuren entdecken. Sie erfindet Altbewährtes neu, spielt mit Texturen und Design der Rezepte, so serviert sie die Sachertorte als Nachtisch in Würfelform mit Aprikosensauce. Mutig beschreitet sie neue Wege, ganz im Sinne der Zeit. In dem Kapitel „Und weiter?“ wagt sie sich an die Kombination von salzig und süß, gibt Anregungen für Experimente und ein paar ungewöhnlichere Rezepte wie das pikante Orangen-Hühnchen mit Schokolade. Rezepte entwickeln, das wird bei diesem Buch schnell klar, versteht sie als Interpretation und Neugestaltung.

Beim Backen muss ich stutzen: fünf bis zehn Minuten Zubereitungszeit veranschlagt Trish Deseine für die meisten Rezepte. Wie schafft sie das bloß, wenn sie auch noch die Schokolade schmelzen muss? Mir gelingt es kein einziges Mal. 15 bis 20 Minuten sind da realistischer.

Meine Ergebnisse fallen ganz unterschiedlich aus. Einige wenige erobern sofort mein Forever-Repertoire, bei anderen sind die Rezepte offensichtlich fehlerhaft. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum in der Zutatenliste der Muffins keinerlei Triebmittel angegeben wird. Entsprechend fallen die Ergebnisse aus: Meine Blaubeer-Muffins mit weißer Schokolade bleiben klein und fest, statt locker-leicht. Nicht wiederholenswert! Zumindest geschmacklich ist Trishs Interpretation der Klassiker nur mäßig gelungen.

Das Kapitel „Und weiter?“ enttäuscht mich geradezu. Wenige Rezepte reizen mich, manche sind sogar erstaunlich uninteressant – schließlich ist es nicht sonderlich innovativ Speckstreifen oder Chips in flüssige Schokolade zu tauchen. Und warum stellt Mrs. Deseine ein Rezept für Schokoladen-Bodypainting vor, wenn sie zuvor anmerkt, dass Schokolade sich gerade dafür nicht sonderlich gut eignet? – Ich bleibe ratlos zurück.

Meine Leidenschaft für das Kochbuch ist inzwischen deutlich abgekühlt. Bleibt noch, die Fotos zu rahmen, aber beim Backen verlasse ich mich wieder auf mein antiquarisches Schätzchen. Das ist zwar keine Schönheit, aber jedes Rezept zuverlässig lecker.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im März 2012

4 Kommentare

  1. oeliden@web.de

    Wie schade, dass dieses Buch von Trish Deseine nicht überzeugt. Meine Tochter brachte vor vielen Jahren „Je veux du chocolat“ aus Frankreich mit und wir lieben die schönen Fotos ebenso wie die Rezepte. Der Fondantkuchen ist dort auch abgedruckt, unser Favorit aber ist der Kuchen von Jean-Francois‘ Großmutter. Bei manchen Gerichten braucht man etwas eigenes Gespür für die richtige Umsetzung, aber immer, wenn ich danach koche, wird von meinen Gästen nach dem Rezept gefragt. Nicht perfekt, aber für uns unverzichtbar!

    • Katharina

      Liebe Angela,
      merci für Deine Zeilen und den Blick aufs Buch. Ich habe früher sehr viele frz Kochbücher gekauft u.a. Ma petite robe noire von Trish Deseine. Ich war entzückt und habe auch meine Schwester angesteckt. Sie hat seitdem weiter daraus gekocht und sagt dasselbe über das Buch wie Du über „Je veux du chocolat“.
      Ich war nach den vielen Flüchtigkeitsungenauigkeiten damals etwas ernüchtert, denke aber heute, 10 Jahre und viele Kochbücher später, dass das tendenziell häufig ist bei frz Kochbüchern und dass die Franzosen aufgrund der großzügigen Haltung dem Laissez-faire gegenüber und der hohem Kochstandard darüber einfach hinweg schauen – es zählt die Idee. Im Grunde eine fast kulturelle Frage. 😉
      Herzlichst Katharina

  2. Katharina

    Oh, das hätten wir gerne veröffentlicht. Leider gibt es sehrrr eingeschränkte Bildrechte. 🙁

  3. Lena

    Ich habe auch so Kochbücher, die einfach nur schöne Bilder haben. Das ist ok, wenn man es weiß und es dabei belässt :-).
    Schade, dass ihr das Rezept für das Orangen-Hühnchen mit Schokolade nicht veröffentlich habt, das hätte mich sehr gereizt.

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