Backbuch von Tamara Hänggli: Let‘s bake!

Backbuch von Tamara Hänggli: Let‘s bake! ★★★☆☆

Let‘s bake! Das beste aus britischen Backstuben
Tamara Hänggli, Fotos E. Auf der Maur, Werd Verlag (2011)

Sylvia Peters

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Ist es ein Bildband mit Rezepten oder ein Backbuch mit Bildern? Auf jeden Fall nimmt man die Einladung, in den Kosmos britischen Backens einzutauchen, sich dabei querbeet durch Scones, Shortbread, Pies, Crumbles und Gingerbread zu backen und einen Blick auf englische Landschaften zu werfen, gerne an. Auf dem Weg dahin liegen aber einige Stolpersteine.

Tamara Hänggli, die aus einer georgisch-schweizerischen Familie stammt, erklärt in einem kurzen Vorwort ihren ästhetisch ansprechenden hochglanzgewienerten Band selbst. Sie unterrichtet an einer Kochschule in Zürich und lehrt den Leser und Nachbäcker das Fürchten, nein, die Freude an der englischen Teatime samt ihrem Backzubehör. Es sei alles ganz einfach, man lerne das schnell – aber, lieber Schüler, Finger weg von den Scones! Bereits auf Seite 1 wirst du gewarnt! Sie habe lange geübt, um perfekte solche herstellen zu können. Da zittern dem Eleven schon vorm Gang an die Tafel die Knie. Aber sei´s drum, frisch gewagt, ist halb gewonnen, es gibt ja noch anderes Backwerk.

Die Autorin geht großzügig mit dem Begriff der Rezepte aus “britischen Backstuben” um. Da sind nämlich auch Armee-Biscuits aus Australien und Neuseeland, genannt ANZAC-Biscuits, Lamingtons von Down Under, indisches Teegebäck, gefüllte Teigtaschen aus Jamaica und Zypern und ein Kuchen aus Kanada dabei. Ein paar historische Verrenkungen à la “in Jamaika schrieb Ian Flemming seine James-Bond-Romane“, und schon passt das.

Die fünf in geschwungenen Lettern gedruckten Kapitelüberschriften deuten ein wenig die geostrategischen Erwägungen an – “From good old England”, “Sweets and Savouries from the United Kingdom”, “Cosmopolitan Treats from the Empire”, “Country Life through the Seasons” und “Fanncy Foods in London”. Für den backhistorischen Informationsbedarf, als Mundvorwässerer und und Einstimmung schreiten jedem Rezept einige Zeilen voran. Dass der 6. Januar der Shortbread-Nationaltag ist, die benachbarten Grafschaften Sommerset und Dorset um den besten Apfelkuchen streiten, die Shrewsbury-Kekse auf eine stattliche Geschichte von 500 Jahren verweisen können und dass auch heute noch 95% des Tees, der heute in England getrunken wird, aus Indien stammt, wusste ich bis dato nicht. Überhaupt findet sich bei den meisten Rezepten ein Hinweis auf die passenden Teesorten. Komplettiert wird das Ganze durch ein in Interview-Form gehaltenes Kapitel, in dem man erfährt, worauf man bei Mürb-und Rührteig achten muss, welches Gebäck man einfrieren kann und welches nicht und welche Teigkonsistenzen sich ergeben, wenn man die Grundzutaten Butter, Zucker, Eier, Mehl in unterschiedlicher Reihenfolge beigibt. Die Autorin hat allerdings die Butter- und Zuckermengen an Schweizer Verhältnisse angepasst, wo es die Leute etwas weniger süß mögen. Das finde ich bedauerlich, denn ich finde die originalen schweren, süßen, buttertriefenden Kuchen gerade interessant. Trockene Rührkuchen kriege ich auch ohne britisches Backbuch hin.

Die Fotos von Erwin Auf der Maur sind weite Landschaften, englische Seebäder unter wolkenschweren Himmeln, schmale, schneeweiße Londoner Dreistockhäuser. Auf Porzellan- und Glasgedecken in Szene gesetztes Backwerk ist in sonnig-milchig-warmes Licht getaucht. Stimmungsvoll. Das blättert man gerne durch und auch haptisch sind die glatten Seiten und das kleine Format ein Vergnügen.

Ich habe Inspirierendes, Imponierendes und Irritierendes gefunden. Irritiert haben mich Bemerkungen wie diese, dass die sogenannten “Whoopies” (Weberli) in ihrer Art Macarons ähneln sollen. Außer dass sie rund sind , wie auch Autoreifen oder ähnliches, und gefüllt werden, habe ich keinerlei Ähnlichkeiten entdecken können. Imponierend aber deren Aussehen – mit ihrem Schokoladenüberzug und in ihrer Kinderhandtauglichkeit sind sie bezaubernd anzuschauen. Verschreckt haben mich die Anweisungen zur Scones-Herstellung. Viele Ausrufezeichen – nicht kneten! Üben! Verwundert haben mich die teilweise recht trockenen Rührkuchen, die ich nicht als explizit britisch ansehen kann, da es die wohl in ganz Europa an jeder Ecke gibt. Inspirierend fand ich die kleinen Mürbeteigteilchen wie Jam Tarts (Törtchen mit Konfitüre), die man mit den verschiedensten Marmeladen füllen kann und die wirklich schnuckelig aussehen.

Ein Backbuch, das nicht als Grundbackbuch geeignet ist, doch für mutige Anfänger und vielleicht auch nicht als britisches Standardbackbuch, aber doch auch für Fortgeschrittene. 9 Rezepte habe ich meiner Lehrerin nachgebacken, manchmal gemault, manchmal “oho, aha” gesagt, manchmal resigniert – aber das Schuljahr ist noch nicht zu Ende.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Dezember 2011

4 Kommentare

  1. Lavendar

    Bei den nachgebackenen Rezepten fehlen die Scones. In der Rezension werden sie zwar genannt, aber dann nicht nachgebacken. Ist das Rezept jetzt nachbackbar oder nicht?
    Whoopie Pies kann man schon in ihrer Art mit Macarons vergleichen auch wenn damit nur das Erscheinungsbild gemeint ist. Und das Kapitel mit den Empire-Rezepten ist eine sehr gute Wahl und Jamaica gehört auf jeden Fall dazu.

    • Katharina

      Hallo Lavendar, da hast Du Sylvia missverstanden. Sie schreibt: “Verschreckt haben mich die Anweisungen zur Scones” – sprich, sie hat sie nicht nachgebacken. Probierst Du?
      Macarons/Whoopies: Ja, das schreibt Sylvia ja auch: “Außer dass sie rund sind und gefüllt werden, habe ich keinerlei Ähnlichkeiten entdecken können.”
      Hm. Britisch steht heute für Großbritannien und ist nicht gleichbedeutend für das Commonwealth ehemals British Empire. Die Kolonialzeit ist zum Glück vorüber.

  2. Karin

    Das mit den Ausrufzeichen und Vorwarnungen beim Scones-Backen ist normal, die britischen KochbuchautorInnen wie Delia Smith und Mary Berry schreiben auch so, anscheinend das ist normal so, denn Scones sind wirklich nicht einfach zu backen!!!)

    • Katharina

      Hm, ich finde, wie ein Autor mit seinen Lesern spricht, ist für mich weniger eine Frage der Normalität, sondern eine der Persönlichkeit und des zeitlichen Kontexts. Berry ist Jahrgang ’35 und ‘Smith 41. Manchen Leser gefällt es sicherlich heute noch, so angesprochen zu werden. Zeitgemäß ist doch eher die Verführung und die Motivation. Sicher eine Geschmacksfrage. Niedrigschwellig wirkt das nicht, wirkte es auch nie. Ich bewundere Autoren, die Leser mitreißen können, indem sie das Schwierige einfach machen. So richtig gelingt es mir nicht, die Ehrfurcht vor Scones zu teilen, die spare ich mir lieber für kleine frz. Schichtörtchen auf. 🙂

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