Backbuch von Harry Eastwood: Red Velvet and Chocolate Heartache

Backbuch von Harry Eastwood: Red Velvet and Chocolate Heartache ★★★★★

Red Velvet and Chocolate Heartache
Harry Eastwood
Fotos Jean Cazals
Random House UK (2009)

Annick Payne

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Vor mir liegt ein Backbuch, das mich gleichzeitig fasziniert und abstößt. 65 süße Rezepte mit einem kleinen, vegetabilen Geheimnis. Gut, viele Gemüsesorten haben einen Hauch von Süße, und der klassische Karottenkuchen beweist, dass so eine Kombination funktionieren kann. Aber Schokoladenkuchen mit Aubergine? Lavendelkuchen mit Steckrübe? Biskuitteig mit Kartoffeln? Pastinakenbonbons? Im ersten Moment verfluche ich meine kulinarische Abenteuerlust.

Zur Idee: Harry Eastwoods Ziel ist es, Kuchen gesünderer und leckerer zu machen. Sie will Textur und Geschmack verbessern, Fett- und Zuckergehalt reduzieren. Dagegen spricht erst einmal nichts. Damit kein falscher Eindruck entsteht, dies ist kein Diät- sondern ein Genussbuch, auch wenn es um gesündere Alternativen geht. Weit wichtiger ist, dass die Backwaren Harrys anspruchsvolle Geschmackskriterien erfüllen. Dennoch muss ich mich ein wenig überwinden, um mich auf dieses Projekt einzulassen. Ich lese mich erst einmal durch das Buch und finde mehr als nur ein paar Rezepte, die sich vielversprechend anhören, von Kuchen und Kleingebäck über Marmeladen, Wackelpudding bis zu Getränkesirup. Wäre auch verwunderlich, wenn nicht, denn die Autorin hat mich mit dem Nachfolgeband The Skinny French Kitchen sehr für sich eingenommen.

Die Aufmachung ähnelt, haptisch wie optisch ist dies ein gefälliger Band mit spielerisch schönen Fotos. Inszeniert wird das Gebäck im Garten und in einem altmodischen Puppenhaus, mein Lieblingsfoto zeigt einen uralten Teddy, der ganz zufrieden auf einem Stuhl neben einem Teller Blondies sitzt. Der jugendlich mädchenhafte Stil zeugt vor allem von übersprudelnder Lebensfreude und der Begeisterung der Autorin für ihre Arbeit. Meist ist dies witzig, aber gelegentlich wird es mir etwas zu viel. Muss man als Rezepteinleitung die Charaktere der Backwaren unbedingt vermenschlichen? Lieber sind mir da die “Trust me Tipps” am Rezeptende, die allerlei Hilfreiches enthalten. Sehr positiv fällt mir auf, dass die Rezepte ausgiebig getestet wurden und, wie sich beweist, perfekt funktionieren. An der Testphase lässt Harry uns durch Tagebuchauszüge, die jedes Kapitel beenden, teilhaben.

Auf zur Tat. Die Kuchen gehören zu den Gattungen Rühr- und Biskuitkuchen, Cupcakes, im Wasserbad gegarte Kuchen (engl. “puddings”) und Scones. Meine Erwartungen sind moderat, ich beginne zaghaft mit Cupcakes, Geheimwaffe: Zucchini. Und bin begeistert! Sie sind nicht einfach nur ok, sie bieten eigenständige Qualitäten, die ich bislang in Cupcakes nicht gefunden habe, eine unglaubliche Textur, und sie schmecken, schmecken, schmecken. Also, man ersetzt Butter & Weizenmehl durch geriebenes Gemüse & Reismehl und bekommt ein traumhaftes Törtchen? Der Wahnsinn! Mir fehlen die Worte. Ich kann es noch nicht ganz glauben. Ist dies nur ein Zufallstreffer? Wir legen mit einem Schokoladenkuchen mit Kürbis nach, der einfach nur glücklich macht.

Harrys Rezepte sind also nicht nur anständige Alternativen, die das schlechte Gewissen beruhigen, sondern – Hand aufs Herz – bessere Kuchen. Saftiger, mit einer neuen, zusätzlichen Geschmacksdimension. Höchstpunktzahl auf der Befriedigungsskala. Und durch den Gemüseanteil auch viel sättigender. Beeindruckend: Kuchen, an dem man sich nicht überfressen kann! Und ohne jenen unangenehmen, fettigen Nachgeschmack, den so manch andere Kuchen hinterlassen. Zum Einsatz kommen: Pastinake, Steckrübe, Kürbis, Zucchini, Süßkartoffeln, Kartoffeln, Navette und Aubergine. Ob man wohl auch Kohlrabi verwenden kann? Bevor ich soweit gehe, will ich erst noch einige von Harrys Rezepten ausprobieren. Was sagt ihr zu Blondies mit weißer Schokolade und Himbeeren? Ach ja, Butternut Kürbis ist auch mit drin. Cupcakes mit Zucchini und Kamille? Gedämpfter Orangen-Kardamomkuchen mit Navette? Aufregend oder abartig? Das Experiment bleibt spannend, aber mein Vertrauen in die Autorin festig sich mit jedem gelungenem Versuch.

Muss man also mit Gemüse backen? Natürlich funktioniert es auch ohne, aber für mich steht fest, Kuchen dieser Art werden auch in Zukunft mein Repertoire bereichern. Und ein wenig sticht mich der Hafer, bei der nächsten Backgelegenheit meinen ahnungslosen Gästen einen Gemüsekuchen unterzujubeln (aber psst!). Wem ich diese Buch empfehlen würde? Jedem, der genug Experimentierfreude mitbringt, sich auf Neues einzulassen. Wer das Abenteuer nicht scheut, wird hier üppig – nur nicht im Sinne von Hüftgold – belohnt. Es paart sich Kreativität mir einem Hauch von Genialität. Gemüse ist die neue Butter! Harry Eastwood verdient einen Orden, wenn ihr mich fragt!

(Anm.: statt auf 18 cm ∅ Springformen umzurüsten, habe ich meine 26 cm ∅ Formen benutzt und die Backzeit um ca. 1/3 gekürzt.)

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Januar 2012

7 Kommentare

  1. Becky

    Ein großartiges Backbuch. Nicht nur wegen der ungewöhnlichen Zutaten, aber natürlich auch. Ich finde es immer wieder spannend, durch das Buch zu blättern und wurde bei meinen Nachbackversuchen noch nie enttäuscht. Besonders zu empfehlen sind aus meiner Sicht die Forbidden Chocolate Brownies.
    Ich kann mich da der Rezension voll und ganz anschließen und würde dieses Buch definitiv ebenfalls weiterempfehlen.

  2. Manuela

    Habe mir das Buch aufgrund der Rezension auch gekauft und bin ganz hingerissen von der Aufmachung. Heute gab es die Brownies und es war eine Freude die Mitessenden die fehlende Zutat (Fett) und die ungewöhnliche Zutat (rote Beete) raten zu lassen…

  3. Doris

    Oh, danke, liebe Katharina. Dieses Blog kannte ich noch nicht. Das Rezept probier ich mal aus.

  4. Katharina

    Für alle, die gerne ein Kuchen-Rezept aus dem Buch hätten – der Verlag gab uns nur dieses – hier ein Link zum Gluten Free Camomile & Courgette Cake – Danke Annick! http://freefromthethree.blogspot.com/2011/08/calm-down-london-gluten-free-camomile.html

  5. Dori

    Schöne Rezension eines spannenden Buches – vielen Dank! Ich hätte ja zu gern das Rezept für die Zucchini-Cupcakes mit Reismehl, um eine Freundin zu bebacken, die glutenfrei essen muss. Diese Gemüsegeschichte scheint mir ganz nebenbei nämlich ein guter Ansatz, um feine glutenfreie Rezepte zu entwickeln.

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