Backbuch von Angelika Schwalber: Weihnachtsplätzchen

Backbuch von Angelika Schwalber: Weihnachtsplätzchen ★★★★☆

Weihnachtsplätzchen – 80 süße
Versuchungen von klassisch bis modern

Angelika Schwalber
Fotos Julia Hoersch
Zabert Sandmann (2015)
Mehr über den Verlag

Katharina Höhnk

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Im Dezember ist es Zeit, in die Welt der Plätzchen zu versinken. Man könnte den Überblick verlieren über die knusprige Artenvielfalt: Pi mal Daumen lassen sie sich noch einteilen, finde ich, und zwar in Alltime-Klassiker, geheimnisvolle Fremde, faszinierende Beautys, raffinierte Unauffällige und erdrückend schöne Patisserie- und Kinder-Freestyle-Kunstwerke.

Um sie kreist das vorweihnachtliche Adventsbegehren und mit dieser Landkarte im Kopf schlug ich meine diesjährige Weihnachtsplätzchen-Novität auf – verfasst von Angelika Schwalber (Foto unten). Die Konditormeisterin, Jahrgang 1974, backt regelmäßig in der BR-Sendung herzhaft & süß an der Seite des Platzl-Alfons aus München.

autorenfoto-portrait-angelika-schwalber-valentinasAllerdings – in dem Backbuch wird auf diese mir bis dato unbekannte TV-Sendung kein Bezug genommen, was es wertiger macht. Denn bibliophile TV-Produkte der Zweitverwertung begleitet stets erstmal die Aura der mangelnden Originalität. Aber das ist hier nicht so. Die Autorin hat sich außerdem ihren Kollegen Schubeck nicht zum Vorbild genommen – sie entfaltet keine Präsenz zwischen den Seiten. Stattdessen eröffnet sie das Büchlein mit einem schlichten Vorwort „Liebe Plätzchen-Fans“ und konzentriert sich dann mit den Leserinnen ganz auf den Inhalt.

Die 10 größten Pannen

Das 121-umfassende handliche Werk mit 80 Rezepten startet mit einem durchdachten Wissensteil, der viel Praxisnähe aufweist: Zunächst werden die 10 größten Pannen beim Plätzchenbacken mit Tipps zur Selbsthilfe vorgestellt: Ursache für brüchigen Mürbeteig ist zum Beispiel zu viel Kneten. Etwas Eiweiß hilft hier, ist zu lesen. Auch die klassische Panne, dass die Füllung an den Seiten herausdrückt (moi!), hat es auf die Liste geschafft. Hier weiß die Autorin, dass diese a) nicht zu flüssig sein sollte, b) nicht zuviel verwendet und c) in der Mitte platziert werden will. Ich gelobe, ich will es mir merken.

Es folgen sechs Seiten mit weiteren technischen Schritt-für-Schritt-Anleitungen sowohl für Anfänger (Der richtige Umgang mit Mürbeteig) wie auch Fortgeschrittene (Plätzchen filieren – was für ein hübsches Wort). Konzeptionell durch und durch gelungen.

Pimp oder Posh?

Die o.a. Plätzchen-Welt fächert die Autorin kapitelmäßig in Klassiker & Varianten, Pimp your Plätzchen und Plätzchen aus aller Welt auf. Ersteres ist eine superbe wie praktische Idee: Zimtsterne werden zu Mazipansterne, Bärentatzen werden zu Chili-Mango-Tatzen und Spitzbuben werden dreimal anders zubereitet: klassisch, mit Schokolade und mit Thymian. In der Praxis muss man nur einen Teig zubereiten und der ist Stoff für verschiedene Varianten (wenn man die Varianten entsprechend mengenmäßig reduziert). So werden progressive wie konservative Geschmäcker auf einen Schlag befriedigt, was manchen Haussegen rettet.

In „Pimp your Plätzchen“, ein Kapitel für die Feinarbeiter unter uns, fand ich die Wortwahl etwas unzeitgemäß iSv War-mal-Trend. „Posh your Plätzchen“ hätte ich cooler gefunden, wenn schon, denn schon. Aber das ist natürlich nur ein Detail unter Buchstaben-Liebhaber. Kulinarisch werden zum Beispiel die Punschwürfel mit Marzipan in Punsch getränkt und dann mit Fondantsternen und Goldflitter verziert. 
Im abschließenden Kapitel mit Gästen anderer Kulturen werden die Entdeckerinnen fündig u.a. Sevillas aus Spanien (Mürbeteigplätzchen), Calissons (französisches Mandelkonfekt) und ungarische Nusskipferl. Dies ist mein Lieblingskapitel.

backbuch-weihnachtsplaetzchen-angelika-schwalber-cover-valentinas-insideMeine Saison-Premieren

Hinsichtlich des Aufwands ist alles dabei – von einfach bis intensiv. In der Tendenz hat die Autorin Freude am handwerklich Anspruchsvollem, es wird geschichtet (Terrassenplätzchen), ausstaffiert (Schneemannköpfchen) und einige Exemplare dürfen sich ausgiebig im Schokoladenbad (Pwidl-Tränen) strecken. Zwar kommen Zusätze wie Lebensmittelfarbe, blauer Zucker (aus dem Online-Shop) und Goldperlen vor, aber überwiegend übernehmen natürliche und sogar angesagte Helfer wie Matcha-Teepulver, Acaipulver, Chiasamen und Quinoa die Rolle der geschmacklichen wie optischen Kreateure.

Himbeerpulver zum Färben war mir übrigens neu: Das lässt sich aus Puderzucker und gefriergetrockneten Himbeeren herstellen, ist zu lesen. Obgleich ich mich  gefragt habe, ob die Mischung nicht nass sein wird?

Beim Nachbacken führten die Rezeptbeschreibung präzise und schrittig genau. Das leserfreundliche Layout führte übersichtlich durch die verschiedenen Textarten. Für das Nachbacken widmete ich mich jedem Kapitel, griff aber eher zum Einfachen: der Klassiker fiel so aus, wie er sollte, die Beauty war gut,  geschmacklich aber ausbaufähig und das Plätzchenrezept aus aller Welt hinterließ zwar Verwirrung hinsichtlich der Mengen, aber entfaltete Wohlgeschmack und rote Backen dank Sherry, Pinienkerne und Aprikosen.

Weihnachtsplätzchen von Angelika Schwalber ist ein konzeptionell wie optisch gelungenes Backbuch für die Adventszeit. Perfekt liegt es in Händen, die handwerklich leicht gefordert werden möchten, gerne dekorieren und probieren, und deren Gaumen auch überraschenden Variationen zugewandt ist.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Dezember 2015

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