Arabella Boxer’s Book of English Food

Arabella Boxer’s Book of English Food

Arabella Boxer’s Book of English Food
A Rediscovery of British Food From Before the War
Arabella Boxer, Fig Tree (2012)

Annick Payne

Von Annick Payne

Arabella Boxers „Book of English Food“ widmet sich einer Periode, mit der ich in erster Linie fiktive Detektive wie Hercule Poirot, Miss Marple oder Lord Peter Wimsey verbinde. Insbesondere Lord Peter, so mag man sich vorstellen, hätte vmtl. als Angehöriger der britischen Oberschicht eine Küche, wie sie in diesem Band beschrieben wird, genossen. Nach dem ersten Weltkrieg gehörte das reichliche Küchenpersonal des edwardianischen Zeitalters der Vergangenheit an, in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts besann man sich auf eine schlichte Eleganz, nach dem Motto „less is more“.

Trendsetter waren neben der britischen Oberschicht auch Amerikanerinnen wie Wallis Simpson, um derentwegen Edward der VIII. auf den Thron verzichtete. Auch die Autorin kann auf einen Stammbaum zurückblicken, der sich in diesem Milieu ansiedeln lässt, ihr Vater war der schottische Adelige Francis Stuart, der 18. Earl of Moray, ihre Mutter eine Amerikanerin. Lady Arabella wuchs bis zum Tode des Vaters auf dem Familiensitz Darnaway Castle auf, lebte als junge Frau in Paris und Rom, bevor sie in London seßhaft wurde und ihre erfolgreiche Karriere als Schriftstellerin begann. Über zwanzig Jahre hat sie eine kulinarische Kolumne für die britische Vogue geschrieben, von ihren zwölf Kochbüchern ist sie v.a. für „First Slice Your Cookbook“ bekannt: das ringegebundene Buch war in drei Partien „zerschnitten“, sodass man sich aus Vor-, Haupt- und Nachspeise ein Menü zusammenstellen konnte. Auch in Deutschland erschienen in den achtziger Jahren einige ihrer Kochbücher, doch während sie bei uns eher unbekannt ist, gilt sie als legendäre Figur der britischen Foodszene.

Landhausküche der 30er

Ihr „Book of English Food“, das gut zwanzig Jahren nach seinem Erscheinen nun in einer Neuauflage vorliegt, ist der Landhausküche der 30er Jahre gewidmet, eine Zeit mit der sie, Jahrgang 1934, Kindheitserinnerungen verbindet. Die stimmungsvollen Art-Deco-Zeichnungen von Cressida Bell zieren den Einband und den Beginn jeden Kapitels, doch ganz im Stile vergangener Kochbuchzeiten kommt der Band ansonsten völlig ohne Illustrationen aus. Fotos? Hier spricht der Text. Die große Stärke dieses Buches liegt in der anekdotischen Erzählweise der Autorin, natürlich kann, ja soll man auch aus diesem Buch kochen, doch mich interessiert es v.a. als Dokumentation einer mir fremden, fernen Zeit. Der Band lädt dazu ein, unbekannte Seiten der britischen Lebensart kennzulernen, Arabella Boxer verwebt Rezepte, persönliche Erinnerungen und historische Anekdoten, u.a. darf man sich auch über Plaudereien aus dem Nähkästchen der Aristokratie freuen.

Eine der einflussreichsten aristokratischen Gastgeberinnen war Lady Cunard, eine gebürtige Amerikanerin, die ihren zwanzig Jahre älteren Ehemann 1911 verließ: She installed herself and her daughter Nancy, later to become a symbol of the 1920s, in a large house in Grosvenor Square, and concentrated her energies on entertaining, for which she had a genius. Like most of the great hostesses, Lady Cunard had little time for domestic – or family – life. In later years, when Nancy was looking for a house, her mother remarked ‘Only the banal need a home.’ Relations between mother and daughter grew steadily worse. Nancy felt she had been neglected by her mother as a child, and never forgave her. Once, as an adult, Nancy startled other guests during after-dinner games in a country house when she met the query, ‘Who would you most like to see come into the room?’ with the chilling reply: ‚Lady Cunard, dead.’

Kulinarische Einflüsse kamen in den 1930ern nur teilweise aus Frankreich, amerikanischer Einfluss revolutionierte z.B. das traditionelle Frühstück: O-saft, Toast Melba, Kaffee und Zigaretten im Bett! Arabella Boxer selbst wuchs dagegen mit dem typisch schottischen Frühstüch auf: „Scotsmen like my father ate their porridge standing up, and this seemed to me the most natural thing in the world, despite English mockery. They would help themselves to a dish of porridge from the hotplate, adding a pinch of salt and some cold milk, then instead of carrying it to the table, they would simply wander about the room as they ate it, reading the headlines of the newspapers, or gazoing out of the window. In other words, they behaved just as we might with a glass of sherry, before sitting down to lunch.“ (S. 5)

Besonders chic: geeiste Soßen

Der Band liest sich wie eine kulinarische Kulturgeschichte. Als grundlegend englischer Gang entpuppt sich der „Savoury“, ein herzhafter Gang, der noch nach dem Dessert gereicht wurde. Hauptzutaten waren entweder Käse, geräuchterter oder gesalzener Fisch, Speck oder eine „Teufelei“, meist als Canapé oder als Pastetchen. Und fast jedes englische Gericht hat eine bestimmt Soße, die wie die Minzsoße zum Lamm immer dazu zu servieren ist – alles andere sei undenkbar. Geeiste Soßen waren besonders chic, denn noch hatte nicht jeder einen Kühlschrank! Spannend auch der Einblick in soziale Normen, so gelten beim Essen im Freien unterschiedliche Regeln: während das berühmte Picknick aufwendig sein durfte und nichts dagegen spricht, dass der Bordeaux von Butler und Lakaien ausgeschenkt wird, gilt beim simpleren „Shooting Lunch“ bereits ein wärmendes Cassoulet als zu exotisch.

Ein gelungener, unterhaltsamer und informativer Band, der bereits als Lesebuch überzeugt. Und wer den Geschmack vergangener Zeiten hervorzaubern will oder unerwartet Besuch von Lord Peter erhält, wird selbstverständlich zum Kochlöffel greifen.

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Veröffentlicht im April 2013

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