Anya von Bremzen: Höhepunkte der sowjetischen Küche

Anya von Bremzen: Höhepunkte der sowjetischen Küche

Höhepunkte sowjetischer Kochkunst
Die Geschichte meiner Familie in Russland und Amerika
Anja von Bremzen, Piper Verlag
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Patricia Rahemipour

Von Patricia Rahemipour

Eine Familie flieht aus der Sowjetunion und landet in Amerika. Soweit ist die Geschichte keine neue. Die Kinder werden Amerikaner – durch und durch. Doch hier und da zeigt sich das Erbe der Heimat auch in dieser Generation. Bei der Familie der Autorin Anja von Bremzen zeigt es sich durch Essen. Essen ist hier das, was die Familie nicht nur zusammenhält und definiert sondern sie auch ganz konkret – also rein physisch – zusammen bringt. Auch das eint sie mit der Norm.

Anders ist es allerdings, wenn die Tochter der Familie mit Essen ihr Geld verdient. Die bekannte Kritikerin Bremzen machte das Essen zu ihrer Passion und diese will sie nun mit den Lesern ihres Buches teilen.

Die Idee ist so einfach wie genial: Sie kocht sich mit ihrer Mutter durch das vergangene 20. Jahrhundert. Dazu werden jeweils Gäste zu einem Festmahl geladen. Die Autorin beschreibt nicht nur die Wahl des Essens und zum Teil die Schwierigkeiten, es zuzubereiten. Sie beschreibt auch, wann sie das erste Mal mit dem jeweiligen Gericht in Berührung gekommen ist. Welche Bedeutung und Entstehungsgeschichte es hat und bettet all das in soziale und politische Gegebenheiten der Epoche ein. Was für ein tolles Vorhaben.

anya-bremzen-kochlustWährend das Buch in seiner Grundanlage durchaus anspruchsvoll ist, hat es in seiner Ausführung doch so einige Schwächen. Allen voran ist die Sprache zu nennen, wobei ich nur die deutsche Übersetzung kenne. Es ist Belletristik im schlechteren Sinn, also mehr trist als belle. Ich hatte als Leserin keine Freude an den Formulierungen und Wendungen, die sich etwa so lesen: „Hier kommen den rührige Biochemiker Boris Sbarski und der begabte Provinzpathologe Wladimir Worobjow in Spiel“ (83). Es blieb mir zu sehr an der Oberfläche. (Links: englische Ausgabe)

Da die Sprache bei solch einem Buch aber nicht unbedingt im Mittelpunkt steht, habe ich versucht mich über den Inhalt mit dem Buch zu versöhnen. Man lernt zwar einiges, aber insgesamt bleibt es auch inhaltlich zu anekdotisch und oberflächlich. Dagegen werden Schlagwörter der russischen Zeitgeschichte wiederum mit allzu großer Selbstverständlichkeit genutzt und nicht erklärt oder die Anekdote zu Lenin und seiner Frau zweimal erzählt. Ein gutes Beispiel ist folgende Episode: „Ganz Moskau stand mittlerweile in einer anderen Schlange, nicht so gewaltig und verheerend wie die Schlangen bei Stalins Begräbnis, aber so lang und ermüdend wie die otschered bei Lenins Mausoleum. Sie standen Schlange, um im Sokolnikipart Pepsi-Cola zu probieren. Selbst meine unglückliche Mutter gesellte sich dazu.“ (189) Der inflationäre Einsatz von Adjektiven verwehrt dem armen (!) Leser leider jede Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Darüber hinaus stehen die Kapitel seltsam singulär nebeneinander. Sie verbindet nichts. Das hat zur Folge, dass das Buch auf wenig hinarbeitet und nur die Tatsache, dass man es noch rezensieren soll, lässt es einen zu Ende lesen.

Ein Buch, das einen nicht quält,das man aber auch nicht unbedingt kennen muss. Die Autorin hat sich mit den drei Ebenen Familiengeschichte, kulinarische Geschichte und historischer Überblick wohl einfach etwas zuviel vorgenommen. Kommt vor.

Veröffentlicht im Februar 2014

1 Kommentare

  1. Nina R.

    Ich habe das Buch mit größtem Vergnügen gelesen und viel dabei gelernt.

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