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Valentinas-Kochbuch.de – kochen, essen, glücklich sein | May 25, 2017

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Unterwegs in Berlin: Bar Convent Berlin 2015

Unterwegs in Berlin: Bar Convent Berlin 2015

Fotos: Ghili Sani (1, 2, 4)
und Katja Schmid

Katja Schmid Von

Trinkfest müsste man sein, um den Bar Convent Berlin (BCB) voll auskosten zu können. Von 11 bis 18 Uhr Whisky, Gin, Bier, Champagner, Bitters, Obstbrände und Cocktails zu verkosten ist harte Arbeit. Selbst wenn man nur nippt, kommt da einiges zusammen. Trotzdem sieht man keine Betrunkenen durch die Messehallen torkeln. Abends geht es direkt mit Partys und Empfängen weiter. Am Morgen des zweiten Messetages gibt es am Eingang deshalb kleine Bloody Marys gegen den Kater.

Seit nunmehr neun Jahren findet der Bar Convent in Berlin statt, zunächst in der Arena in Alt-Treptow, später im Postbahnhof am Ostbahnhof, seit 2012 in der Station am Gleisdreieck, wo heuer fünf Hallen mit über 12.000 qm bespielt wurden.

Fachmesse der Superlative

Die Messe wächst und wächst und hat sich in Europa als wichtigster Branchentreff etabliert. Gerade erst ging der BCB eine Kooperation mit dem internationalen Veranstalter Reed Exhibitions ein. Weltweit sind Ableger geplant, etwa in China und Südamerika. Dabei ist das Line-Up schon jetzt international.

unterwegs-bar-convent-2Man trifft Bartender, Gastronomen, Importeure und Getränkefachgroßhändler, Cocktail Blogger …

Waren es im Premierenjahr 2007 noch rund 1.000 Besucher und 16 Aussteller, trafen diesmal über 11.000 Fachbesucher auf 268 Aussteller, davon 116 aus dem Ausland (links ein Foto vom Aufbau). Insgesamt waren 30 Länder vertreten. Unter den Besuchern kommt die Hälfte aus dem Ausland, rund 5 Prozent aus Übersee. Man trifft Bartender, Gastronomen, Importeure und Getränkefachgroßhändler, Cocktail Blogger, Journalisten, Autoren, Brand Ambassadors (Markenbotschafter), Connaisseure und Wissbegierige aller Art.

Seit seiner Premiere im Jahr 2007 avancierte die Mischung aus Fachmesse und Symposium zum wichtigsten Branchentreff Europas. Der BCB findet stets an zwei Wochentagen im Oktober statt (am Wochenende sind Bartender unabkömmlich) und wird von Insidern auch liebevoll ‚Bartenders‘ Christmas‘ genannt. Dabei macht die Fülle der Produkte nur einen Teil des Erfolgs aus, das Wichtigste sind die persönlichen Begegnungen, der Austausch, die Kontaktpflege. Am Eröffnungsabend werden alljährlich die Mixology Bar Awards verliehen, mit Auszeichnungen für den Newcomer des Jahres, für das beste Bar Team, den besten Drink und vieles mehr.

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„Wie man einen Cocktailwettbewerb verliert“

Dazu gibt es ein vollgepacktes Programm mit Vorträgen, Seminaren, Verkostungen und Podiumsdiskussionen. Dieses Jahr gab es unter anderem Vorträge über einzelne Spirituosen (Eau de Vie explained), Tipps zur Eröffnung der ersten Bar (von Le Lion Barchef Jörg Meyer), oder historische Aufarbeitungen (zum Einfluss der italienischen Futuristen auf die Cocktailkultur – links ein Foto vom Ende des Vortrags mit Teilnehmern in kollektiver Marinetti-Pose). Das alles mit einer gehörigen Prise Selbstironie, die sich mitunter schon im Veranstaltungstitel offenbart, zum Beispiel wenn es darum geht „Wie man einen Cocktailwettbewerb verliert“ (von Rum-Edutainer Ian Burrell).

Die Zeitschrift Mixology, mit der eigentlich alles begann, erscheint seit 2003. Die Gründer Helmut Adam und Jens Hasenbein haben aus dem Fachmagazin eine Marke gemacht und der Barszene in Deutschland entscheidend beeinflusst.

unterwegs-bar-conventBier trifft Kaffee

Schwerpunktthemen waren diesmal Kaffee und Bier. Kaffee? Ja, auch in Bars wird Kaffee getrunken, außerdem gibt es eine ganze Reihe von Drinks, die Kaffee in der einen oder anderen Form enthalten. Und Bier? Zugegeben, es gibt immer noch Bars, die partout kein Bier ausschenken, andererseits herrscht ein wahrer Hype um Craft Beer. Unter der Überschrift „Alle wollen Craft, keiner kann es liefern“ widmete sich eine Podiumsdiskussion dem Lieferengpass. Mit Brew Berlin hat das Thema Bier einen eigenen Messebereich bekommen, neben internationalen Schwergewichten wie Anheuser-Busch InBev (u.a. Beck’s) waren auch Microbreweries vertreten, darunter Berliner Berg, ein Newcomer aus Berlin Neukölln, der sich noch mitten im Crowdfunding befindet.

Botanicals und Foodpairing

Auch Foodies kommen auf der Messe auf ihre Kosten. Zugegeben, an den Ständen gibt es kaum Häppchen, auch die Essensstände waren in diesem Jahr nicht ganz so überzeugend (die Pulled Pork Roll von 2014 bleibt unübertroffen). Doch die Hingabe, mit der Produzenten und Mixologen sich der Beschaffung und Herstellung von erstklassigen Zutaten widmen, um daraus hochwertige Getränke zu zaubern, ist begeisternd.

Allein die Liste der pflanzlichen Zutaten, pardon: Botanicals, für den Schwarzwald Dry Gin Monkey 47 ist ein Gedicht: Wacholder, Fichtensprosse, Robinienblüten, Hagebuttenschalen, Kubeben-Pfeffer, Cassia-Rinde, Koriander, Paradieskörner, Bisamkörner, Piment, Kardamom, Gewürznelken, Muskat, Mandel, Ingwer, Ceylon-Zimt, Süßholz, Kalmuswurzel, Lavendel und und und.

Ganz klar, dass kulinarisch Interessierte bei solchen Ingredienzen sofort anfangen, über Kombinationsmöglichkeiten nachzusinnen. Auch im Barbereich hat das so genannte ‚Foodpairing‘ eine steile Karriere hingelegt und zu neuen, verblüffenden Kombinationen geführt. Eine simple, aber ziemlich erfolgreiche Kombination ist zum Beispiel Whisk(e)y mit Gewürzgurkenwasser, auch bekannt als Pickleback (ein Shot Whiskey, gefolgt von einem Shot Gurkenwasser, alternativ kann man auch in eine Dillgurke beißen). Eleganter und im Herbst genau das Richtige ist Rum mit Quitte oder dunkler Schokolade. Freilich bescheiden sich die wenigsten Mixologen mit derlei einfachen Kombinationen, sondern streben vielmehr nach größtmöglicher Komplexität.

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Besonders beliebt sind neue Aromen im Zusammenhang mit Gin, der wohl populärsten Spirituose der letzten Jahre. Neu auf dem Markt ist zum Beispiel der Tonka Gin, der nicht etwa aus den Tropen stammt, sondern in Norddeutschland destilliert, mit Tonkabohnen aromatisiert und abgefüllt wird. Heimatverbundener ist der Siegfried Rheinland Dry Gin, der auf Lindenblüten setzt und gleich auf Anhieb ein paar Goldmedaillen abräumte.

Um auf die Brandbreite der Produkte hinzuweisen, die aus den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz (auf dem Bar Convent fasst man die Region kurz zusammen mit GSA = Germany, Switzerland, Austria) gibt es einen eigenen Stand (links ein Foto), der sich ‚Made in GSA‘ nennt (auch eine ‚Erfindung‘ der Mixology-Macher). Dort werden vom Obstbrand über Säfte und Softdrinks bis hin zum Whisky 60 Produkte versammelt und vorgestellt. Darüber hinaus findet man in den Hallen noch viele weitere Kreationen aus dem deutschsprachigen Raum.

Heimat und Handwerk

Die lokale Verortung, ja geradezu leidenschaftliche Hinwendung zu lokalen Produkten ist auf dem Bar Convent allgegenwärtig – trotz oder vielleicht gerade wegen der internationalen Ausrichtung. Noch deutlicher als am GSA-Stand in Halle 8 heißt es gleich vorne in der ersten Halle: „Pisco is Peru“. Wenn das mal keine Ansage an Chile ist, das sich ebenfalls rühmt, den Pisco hervorgebracht zu haben.

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Die Rückbesinnung auf heimische Produkte ist übrigens nicht gleichbedeutend mit einem engeren Horizont. Im Gegenteil. Oft werden internationale Produkte und Trends aufgegriffen und auf Basis regionaler Zutaten und Techniken neu interpretiert. Ein besonders gelungenes Beispiel war der Jägermeister-Stand, der in diesem Jahr ganz dem Thema ‚German Tiki‘ gewidmet war (links ein Ausschnitt des Standes – Birne und Birke statt Ananas und Kokos!).

Neu interpretiert

Vier Mixologen aus ganz Deutschland hatten sich vorgenommen, exotische Klassiker wie den Mai Tai oder Zombie mit heimischen Zutaten neu zu interpretieren. Ziel war keine 1:1 Kopie sondern veritable Neuerfindungen. Herausgekommen ist dabei unter anderem der Schwarzwald-Zombie mit Kirsch- und Schokoladenbrand, garniert mit Sauerkirschen und Tannenzapfen. Oder Skorpion Helene mit Birnenbrand, garniert mit mazerierter Birne und Hornveilchen. Ganz ehrlich: ich bin kein Fan von Jägermeister, aber die acht Kreationen waren allesamt köstlich.

unterwegs-bcb-2015-german-tiki-jaegermeister-valentinasAuch handwerklich haben sich die vier nicht lumpen lassen und sogar ihren ‚eigenen‘ Rum-Verschnitt hergestellt, der um Welten besser ist als das, was sonst unter diesem Namen verklappt wird. „Natürlich muss man sich fragen, was ist eigentlich ‚deutsch‘, wo zieht man die Linie, historisch und geographisch“, so Björn Bochinski. Man war da etwas großzügig und ist bei den Zutaten bis ins Mittelalter und bei der Geographie bis hin zu kolonialen Importen (Rum-Verschnitt) gegangen. Der Ansturm und das Interesse war groß, auch und insbesondere bei internationalen Gästen.

Vielleicht klingt das jetzt kitschig, wahr ist es trotzdem und heute vielleicht wichtiger denn je: Die Bar ist und bleibt ein Ort der Völkerverständigung. Auch wenn man dort nur einen Kaffee oder Saftcocktail trinkt.

Geschrieben im November 2015