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Valentinas-Kochbuch.de – kochen, essen, glücklich sein | July 29, 2016

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Kochbuch von Julie Montagu: Das Superfood-Kochbuch ★ ★ ★

Kochbuch von Julie Montagu: Das Superfood-Kochbuch
Rezension

Das Superfood-Kochbuch – Die
Extraportion Gesundheit für jeden Tag
Julie Montagu
Fotos Yuki Sugiura
Thorbecke Verlag (2015)
Mehr über den Verlag

DREI STERNE: Hat Stärken, aber überzeugte nicht ganz.

Charlotte Schrimpff Von

Es fängt schon bei der Überschrift an: „Superfoods“, zu Deutsch „hervorragende Lebensmittel“. Ein Begriff, der alles heißen kann – von hochwertiger Bioware bis hin zum leeren Werbeversprechen. Er meint aber: Nahrungsmittel mit dem gewissen Etwas. Was das ist, weiß TV-Star und Fitness-Guru Julie Montagu.

Zuallererst räumt sie auf: Mit falschen Annahmen – etwa der, dass „Diät“ zwingend eine Gewichtsreduktion bezeichnet, statt der im englischsprachigen Raum nach wie vor verbreiteteren Bedeutung der Lebens- bzw. Ernährungsweise. Raffinierter Zucker muss bei Montagu unter der Überschrift „unerwünschte Lebensmittel“ ebenso dran glauben wie stark verarbeitete Produkte, Fleisch und alles, was die so genannten freien Radikale provoziert. Und da liegt der erste Hase im Pfeffer: Die Theorie von den Stoffwechselprodukten, die die Zellalterung beschleunigen und mit „Radikalfängern“ wie Ascorbinsäure (Vitamin C), Beta-Carotin (z. B. in Möhren) und Flavonoiden (z. B. in der Schale von Äpfeln) unschädlich gemacht werden können, ist alles andere als unumstritten.

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Superfoods gleich Superhelden

Julie Montagu (links) lässt sich davon aber nicht beirren: Für sie sind freie Radikale der erklärte Feind und Superfoods jene Helden, die den Widersachern von Jugendlichkeit, Schönheit und, ach ja, Gesundheit, den Garaus machen. Dazu gehören übrigens nicht nur Modezutaten wie Matcha, Goji und Moringa, sondern auch alte Bekannte wie Rote Bete, Trauben, Oliven und Spinat.

Gut, mag man sich sagen, so lange die Konsequenz aus diesem ideologischen Überbau lautet, dass dieses frische, grüne, unverarbeitete Essen besser für uns und die Umwelt ist: warum nicht? Das Problem dabei ist bloß: Montagu ist da alles andere als konsequent. Wraps? Sind ein nicht näher definiertes Convenienceprodukt – dabei ist Selbermachen wirklich kein Akt. Bohnen und Kichererbsen kommen durchweg aus der Dose und mit der Umweltverträglichkeit ist es auch nicht weit her: Butternusskürbis wird für einen Eintopf unbedarft mit Rhabarber gepaart – etwas, das hierzulande kein Wochenmarkt zustande bringt, der einigermaßen auf sich hält.

„Um noch mehr Omega-Wahnsinn zu erhalten, können Sie noch eine Handvoll Kürbis- oder Sonnenblumenkerne hinzufügen“

Auch darüber könnte ich zur Not hinwegsehen – wenn das alles nicht mit dieser Unbekümmertheit vorgetragen würde. Ein Teil mag vermutlich der über weite Strecken eher holprigen Übersetzung aus dem Englischen geschuldet sein („Um noch mehr Omega-Wahnsinn zu erhalten, können Sie noch eine Handvoll Kürbis- oder Sonnenblumenkerne hinzufügen“), ein anderer Unkenntnis, z. B. dessen, dass die Novel-Food-Verordnung der EU die Verzehrempfehlung von Chia-Samen auf 15 Gramm pro Person und Tag beschränkt. In einer Portion von Montagus Chia-Puddings stecken allerdings allein 20 – und den Hinweis, dass man es auch mit „Superfoods“ nicht übertreiben sollte, muss man kleinstgedruckt über dem Impressum suchen.

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Irgendwann ist man von Vorwort bis ins Dessertkapitel über so viele dieser Fragwürdigkeiten (und zum Teil lieblos gestylten Fotos) gestolpert, dass man nicht mehr an Zufälle glauben mag. „Das Superfood Kochbuch“ erweckt den Eindruck, mit sehr heißer Nadel gestrickt worden zu sein („Man schröpfe den Superfood-Hype so lange es geht“) – oder mit einer gehörigen Portion Ignoranz.

Immerhin: Es schmeckt!

Dabei wäre Potenzial definitiv vorhanden: Viele von Montagus Rezepten schmecken richtig gut und sind mit relativ wenig Aufwand verbunden – ich habe schlussendlich doch deutlich mehr nachgekocht als gedacht. Wenn es darum geht, Bequemlichkeits-Fast-Foodler zu Gelegenheitsköchen zu erziehen, sind das zwei schlagende Argumente. Die Warenkunde zu Beginn des Buches ist, was den Informationsgehalt betrifft, vielleicht ausbaufähig (was um Himmels Willen sind Dulse-Flocken und wo bekomme ich sie her?! Die Information, dass dieses Produkt eisenhaltig ist und salzig schmeckt, reicht definitiv nicht!), für Clean-Eating-Neulinge – denn im Prinzip propagiert Montagu genau das – allerdings sicherlich hilfreich.

Ein bisschen mehr Zeit und Muße hätte sowohl dem Index gut getan, der leider nicht vollständig ist, als auch der Auswahl der Rezepte: Manches ähnelt sich in Zusammenstellung und Zubereitung so sehr (z. B. der Wildreis-Rote-Bete-Trauben-Salat und die Füllung für die Wraps mit roter Bete, Schwarzem Reis und Birnen), dass man das eine prima als Variante des anderen hätte anbieten können.

Julie Montagus „Superfood Kochbuch“ schwimmt auf Welle des Zeitgeists: Schnelle, unkomplizierte Gerichte, die ohne Fleisch und weitgehend ohne Milchprodukte auskommen, aber mindestens eine exotische Zutat mit Heilsversprechen enthalten („Spirulina“). Wer keine überbordenden Ansprüche an Stichhaltigkeit der Hintergründe oder sprachliche Schönheit hat, aber ohne größeren Aufwand ein bisschen gesünder kochen will, macht mit dem handlichen Band nicht viel falsch. Wer das große gesunde Ganze ohne Chi-Chi, dafür konsequent und detailliert will, ist etwa mit Amy Chaplins „At Home in the Whole Food Kitchen“ deutlich besser beraten.

Nachgekochte Rezepte:

Wraps mit roter Bete, Schwarzem Reis und Birnen
Die Rote-Bete-Paste könnte ich pur löffeln. Warum – und vor allem: wie – man die und den Rest der sehr leckeren Füllung in Weizenfladen wickeln sollte, hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Ganz davon abgesehen, dass vier Wraps nie und nimmer für die produzierten Mengen reichen, habe ich Reis, Bete-Paste und Birne nach einem ersten kläglichen Versuch lieber zu einem lauwarmen Salat umgewidmet – definitiv die bessere Wahl!

Scharfes Tofu Curry mit Kokosnuss und Kardamom
„Das ist die Art Essen, die Sie brauchen, wenn Sie sich kränklich fühlen“, schreibt Montagu. Bingo! Dann das erste Stutzen: Wo sind sie denn, die Vitamine? Ich habe Möhren und Spinat dazuerfunden – ohne hätte uns definitiv etwas gefehlt, vor allem optisch (Tofu in zart-gelber Sauce = eher farblos). Die angekündigte Schärfe ist eher zurückhaltend und vom Kardamom keine Spur. Ohne diese Erwartungen schmeckt’s solide, aber eher nicht nach Wiederholung.

Schokoladen-Chia-Pudding
In meiner Welt ist Pudding eigentlich etwas Festes. Die Chia-Sauce, die man mit Montagus Mengenangaben produziert, schmeckt trotzdem erstaunlich gut – etwas, das weniger an der homöopathischen Dosis Kakaopulver liegt als vielmehr an Ingwer, Muskat und Zimt. Mein Verhältnis zu Chia konnte dieses Variante zwar nicht nachhaltig beeinflussen, aber das ist eine andere Geschichte.

Wildreis-Rote-Bete-Trauben-Salat mit Honig-Ahornsirup-Senf-Dressing
Dass die Stylisten geschummelt haben und fürs Foto statt Wildreis weißen Reis verwendet haben, erklärt sich, sobald man das nach Rezept zubereitete Ergebnis sieht: Dunkler Reis, dunkle Trauben und rote Bete – von mir zur besseren Essbarkeit geraspelt statt in Scheibchen geschnitten – liefern einfach wenig Kontrast. Auch auf der Zunge: Wer nicht ordentlich pfeffert und salzt, hat das Nachsehen. Zumal: Was genau ist jetzt der Unterschied zur Zusammenstellung für die Wraps fünf Seiten weiter?

Geschrieben im Februar 2016